Die Töne werden versöhnlicher

Jägerschaft, Polizei, LfU und Medien diskutieren über Wilderei in der heutigen Zeit – Luchstötungen im Mittelpunkt

„Do schau her. Wilderei hier und heute“ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion im Museum „Jagd Land Fluss“ im Schloss Wolfstein. Dass dieses Motto den Nagel nicht auf den Kopf trifft, mussten Karl Matschiner, Organisator sowie Pressesprecher des Landratsamtes, und Andreas Nigl, Moderator und Redaktionsleiter des Grafenauer Anzeigers, schon bei der Vorbereitung der Veranstaltung feststellen. Denn an dem Abend sollte in erster Linie über die getöteten Luchse im Bayerwald gesprochen werden. „Dabei handelt es sich aber nicht um Wilderei, sondern um die illegale Tötung geschützter Arten“, stellte Andreas Nigl gleich zu Beginn klar.

Diese kleine „Themaverfehlung“, wie Nigl es nannte, nahm der Veranstaltung jedoch nichts von ihrer Qualität. Auf dem hochkarätig besetzten Podium konnten viele Fragen und Unklarheiten geklärt werden. Rede und Antwort standen Manfred Wölfl vom Referat Wildtiermanagement des Landesamtes für Umwelt (LfU), Manfred Jahn, Vizepräsident des Bayerischen Polizeipräsidiums, Bernd Strobel, Journalist vom Bayerischen Rundfunk, und Norbert Ranzinger, Vorsitzender Kreisjägerschaft Wolfstein. Auch das Publikum war illuster besetzt. Neben Gudula Lermer, der Leiterin des Forstbetriebs Neureichenau, waren auch die Leiter der Polizeiinspektionen Freyung und Grafenau, Ingrid Grötzinger und Klaus Brunnbauer vor Ort. Die Jägerschaft war gut vertreten, darunter Saldenburg Bürgermeister Max König als Vorsitzender der Kreisjägerschaft Grafenau und Richard Schmalzl, Kreisjagdberater für den Grafenauer Bereich.

Schnell führte die Diskussion zu dem Fall, der vor allem den Zuhörern im Publikum unter den Nägeln brannte. Und zwar die ARD-Fernsehdokumentation „Hinterhalt im Luchsrevier“, die im Dezember 2016 zu kontroversen Diskussionen bei Tierschützern, Jägern und in den regionalen Medien geführt hat. In der Sendung wurde damals der Verdacht geäußert, dass der im August 2015 in der Elsenthaler Leite bei Grafenau aufgefundene Luchs getötet wurde und nicht Opfer eines Verkehrsunfalls war. Kritik musste hier Bernd Strobel vom BR einstecken.

Es seien damals nicht die Leute, die auch vor Ort waren, befragt worden, lautete der Vorwurf von Richard Schmalzl, der zu dem Zeitpunkt Vorsitzender der Grafenauer Kreisjägerschaft war. Falsche Infos über die Auffindesituation hätten zu Spekulationen geführt, der Luchs sei illegal getötet worden.

Dass dieser Fall für alle Beteiligten unglücklich gelaufen sei, darüber waren sich die Podiumsteilnehmer einige. Dass es dennoch von großer Bedeutung sei, auch scheinbar im Straßenverkehr verunfallte Luchse noch einmal genauer zu untersuchen, zeigte Manfred Wölfl an einem weiteren Fall auf, der nur wenige Monate später im Grafenauer Land erneut für Aufruhr sorgte. Damals wurde ein Luchs bei Schönberg im Straßengraben gefunden. Nach dem Fall in der Elsenthaler Leite wollte das LfU damals auf Nummer sicher gehen und hat den Luchs obduziert. „Es hat sich herausgestellt, dass er erdrosselt wurde“, so Wölfl. Aus beiden Fällen habe man gelernt. „Die Dokumentationen sind nun besser geworden.“

Was weiterhin ein Problem bei der Klärung solcher Fälle darstelle, sei laut Wölfl das Aneignungsrecht. „Findet man im Revier eines Jagdpächter beispielsweise einen überfahrenen Luchs, so hat dieser das Recht, ihn zu behalten.“ Viele wollen ihn präparieren. Das sei nach der Obduktion oft jedoch nicht mehr möglich. Hier suche man nach Lösungen, dass Forensiker und Präparatoren zusammenarbeiten und dadurch der Präparationswert erhalten bleibt. „Hier gibt es Handlungsbedarf“, so Wölfl.

Generell arbeite man mit der Jägerschaft sehr gut zusammen. Dies konnte auch Norbert Ranzinger bestätigen. „Ich kenne keinen Fall, in dem wir unsere Unterstützung nicht angeboten haben.“ Daher sei es nicht nachvollziehbar, warum die Jäger oft unter Generalverdacht gestellt werden

Dass sich auch die Polizei bei Fällen von Luchstötungen entsprechend neu aufgestellt hat, erklärte Manfred Jahn. „Wir haben viele Gespräche mit allen Beteiligten geführt und auch eine Sensibilisierungskampagne gestartete“, so Jahn. Nachdem im Lamer Winkel im Jahr 2015 abgetrennte Luchspfoten gefunden wurden, war Jahn derjenige, der ein Handlungskonzept erarbeitet hatte. „Wenn zum Beispiel bei einem Unfall ein Luchs getötet wird, haben die jeweiligen Dienststellenleiter sofort auf dem Schirm, welche Schritte zu veranlassen sind.“

Zum Fall im Lamer Winkel fragte Moderator Nigl, warum nach drei Jahren immer noch kein Schuldiger gefunden werden konnte. Der Fall sei noch nicht abgeschlossen, sagte Jahn. Daher könne er hierzu auch keine Stellungnahme abgeben.

Nur so viel könne man vermelden: Damals fand die Hausdurchsuchung eines Verdächtigen statt. Seitdem konnte das LfU im Rahmen seines Monitoring-Programms feststellen, dass die Luchs-Population nicht mehr stagniere. „Dort wo bisher Luchse nur ein bis zwei Jahre lang überlebten, können wir beispielsweise ein Weibchen nachweisen, dass sich schon im dritten Jahr hintereinander reproduziert. Das ist ein schönes Zeichen”, so Wölfl. Auch Jahn sieht die stabile Population als Indiz dafür, dass die illegalen Tötungen zurückgegangen sind. Das freut auch Bernd Strobel. „Wir haben diese Debatte ja mit ins Rollen gebracht. Ich denke, dass die Öffentlichkeit auch ein Recht hatte, dies zu erfahren.“

Die Töne werden versöhnlicher, resümierte Nigl. Und dann sollten aber doch noch ein paar Sätze über die klassischen Wilderer gesagt werden, also diejenigen Menschen, die sich jagdbare Tierarten wie Reh- oder Rotwild unerlaubterweise aneignen. „Früher wilderten die Menschen in Hungersnöten, heute ist es ein Thrill“, sagte Strobel. Dies bestätige auch Norbert Ranzinger. Diejenigen, die mit Wärmebildkamera und Schalldämpfer ausgerüstet aus dem Auto heraus schießen, gebe es. Zu der Zahl der Fälle kann Jahn aus Polizeisicht wenig sagen. „Das findet im dunklen, verborgenen Wald satt.“ Die Wahrscheinlichkeit, entlarvt zu werden, sei gering. Die 20 bis 25 Fälle von Jagdwilderei, die es jährlich in Niederbayern gebe, seien meist anderer Natur: Zum Beispiel streunende Hunde, die Wild reißen, oder Autofahrer, die ein Reh überfahren haben und es mitnehmen